Harald Welzer, “Nachruf auf mich selbst“

(Die Liste der früheren, von Peter Jakubowski kommentierten Bücher, findest Du hier.)

Hier unten siehst Du drei Auszüge aus dem neusten Buch von Harald Welzer, “Nachruf auf mich selbst“ (S. Fischer Verlag, 2021). Mein Kommentar (grün gefärbt) betrifft vor allem die farblich blau markierten Fragmente der Zitate.

Herr Ochs bekommt Angst

… Aber noch einmal: Wo steckt das Widersacherische? Es begründet sich in dem schlichten Umstand, dass wir als Naturwesen sterblich sind und im unglücklichen Fall einer Katastrophe auch dann sterben, wenn wir bis dahin alles richtig gemacht haben – ordentlich zur Schule gegangen sind, eine Ausbildung gemacht haben, für Greenpeace gespendet haben und stets auf eine gute Erscheinung bedacht waren. Nutzt alles nix, wenn was passiert. Die Katastrophe ist der Ernstfall der Aufklärung, denn erst bei ihrem Eintreten zeigt sich, was uns all das Wissen, all die Problemlösungsfähigkeit nutzt. Wenn man Glück hat, eine Menge, wenn man Pech hat, nichts. … Katastrophen lassen sich nicht abschaffen.

… Das heißt: Soziale Geschehnisse und vor allem ihre Ergebnisse sind im Unterschied etwa zu physikalischen nicht kausal zu verstehen, sondern nur im Rahmen von Beziehungen zwischen den Menschen. Und sie finden in der Zeit statt, dynamisieren oder verlangsamen sich, eskalieren oder brechen ab. Und genau an dieser Stelle komme ich auf den Anfang des Buches zurück: dass das Handeln solcher Beziehungsgeflechte falsche Richtungen einschlagen und – vielleicht sogar bei besten Absichten – selbstzerstörerisch werden kann. …

Für einen tatsächlich aufgeklärten Umgang mit der Welt wäre es 250 Jahre nach Kant sinnvoll, anzuerkennen, dass neben dem als ewig gedachten Fortschritt auch sein Gegenteil – die Regression – oder eine Annullierung steht, nämlich die Katastrophe, der Zivilisationsbruch. Damit zu rechnen, ist eine zwingende Voraussetzung, um das zentrale Problem des 21. Jahrhunderts und seine zahlreichen Nebenprobleme anerkennen und bearbeiten zu können: die Erderhitzung, die massenhafte Flucht und Migration, das Artensterben, Pandemien und alles, was sonst noch leichtfertig als „Krise“ bezeichnet wird. … All dies kann man nur als ‚komplex‘ und ‚undurchschaubar‘ beschreiben, wenn man keinen Begriff von Endlichkeit hat. Umgekehrt: Vom Standpunkt der Endlichkeit her betrachtet wird alles, was als selbstgemachtes Verhängnis im 21. Jahrhundert auf die Menschen zurollt, ganz einfach verständlich. Also: What if we fail?.“

Kommentar von P.J.: Genau so einen Zivilisationsbruch erleben wir live um das Jahr 1989. Es ist kein menschliches, sondern ein "kosmisches" Datum, das in der langen Kette der Universalen Zeitskala der Kosmischen Hierarchie des Sonnensystems seit der Entstehung des Sonnensystems festgelegt wurde. Die von uns beobachteten und miterlebten Ereignisse, in denen wir Menschen innerlich beteiligt waren, wie zum Beispiel der Zusammenbruch der Sowjetunion, sind Ereignisse die eher als Folge der Fluktuationen in der Zufuhr der kosmischen Energie zur Erde ihren Ursprung haben, als dass sie von irgendwelchen geheimen Machtgruppen gesteuert wurden. Die mörderische Mittelalterliche Zivilisation ging endlich zu Ende, wie die fünf der sogenannten "Großen Zivilisationen der modernen Menschheit" vor ihr auch; vergleiche den Beitrag "Unsere Erste Globale Zivilisation".

Man kann mit der Natur nicht verhandeln

… Im Zuge der Coronapandemie gab es die wichtige Einsicht, dass man mit einem Virus nicht verhandeln, nicht dealen kann. Das kann man mit den naturalen Voraussetzungen der menschlichen Lebensform ganz generell nicht – die Aufrechterhaltung einer lebensermöglichenden Durchschnittstemperatur und einer intakten Biosphäre sind nicht verhandelbar. … Deshalb sind die ganzen Anstrengungen, zunächst unendlich mühsam internationale Klimaverträge auszuhandeln, über deren Umsetzung dann jeweils national verhandelt wird, indem versucht wird, wirtschaftliche, politische, soziale Interessen mit den ökologischen zum Ausgleich zu bringen, irrational, in gewisser Weise kindisch. … Man sieht sofort, eine solche Klimapolitik ist nicht anderes als ein Antropomorphismus, der sich für Politik hält. Kinderkacke. Nach einem halben Jahrhundert Ökologiebewegung ist es Zeit, erwachsen zu werden, sich von der Idee des Dealens zu verabschieden und das Feedback von Erd- und Klimasystem zur Kenntnis zu nehmen, das wir unablässig mitgeteilt bekommen. Die Fiktion des immerwährenden Fortschritts durch immerwährendes Weitermachen muss aufgeklärt werden durch eine Kultur, die das Aufhören lernt. Erwachsenwerden ist ein Prozess, in dem man lernt, dass man nicht alles haben kann, von dem man mal geglaubt hat, es haben zu können. …

Die Zeit der Externalisierung der Kosten unseres Lebens in andere Räume und andere Zeiten ist vorbei, die Probleme sind dafür zu gegenwärtig geworden. Es gibt keine Zuschauerposition, von der man mit einem wohlig-unheimlichen Gefühl Endzeitszenarien und Untergänge betrachten kann, es ist Zeit für Wirklichkeit. Jetzt.“

Kommentar von P.J.: vergleiche die Beiträge "Warum Umweltschutz notwendig, Klimaschutz aber unmöglich ist" und "Wie Mars unser Wetter beeinflusst".

Das Neue

… Die Fähigkeit zum Handeln schließt selbstverständlich die Möglichkeit ein, etwas Falsches zu tun – aber von den Folgen dieses Falschen kann man sozial befreit werden indem andere den Fehler verzeihen. So banal sich das anhört, so zentral ist das für Arendt, denn im Verzeihen liegt ihrer Ansicht nach der Kern der Freiheit … Verzeihen ist in Arendts Theorie wiederum an das Vermögen, zu versprechen, gebunden, in dem sie das wichtigste Ordnungsprinzip menschlicher Angelegenheiten sieht: Die Offenheit der Zukunft, die Unsicherheit der Erwartungen sind nur auszuhalten und zu bewältigen, indem Menschen sich einander Versprechen geben – individuell in Form von Bekundungen oder auch Verträgen, gesellschaftlich und kulturell durch die unterschiedlichsten Formen von der Erfüllung von Pflichten über die Übernahme von Verantwortung. Das 'Vermögen, Versprechen zu geben und zu halten‘, schreibt Arendt, hat 'die ihm innewohnende Macht, das Zukünftige zu sichern.‘

In der Tat beruhen ja menschliche Gesellschaften, und insbesondere moderne Demokratien, auf Vertrauen, und dieses Vertrauen ist immer darauf bezogen, dass etwas in der Zukunft noch so verlässlich und stabil sein wird wie jetzt, in der Gegenwart. Versprechen bedeutet daher auch Verantwortlichkeit, und dort, wo ein Versprechen – da es Zufälle, unabsehbare Entwicklungen, Irrtümer usw. gibt – nicht gehalten werden konnte, sichert die Fähigkeit zum Verzeihen, dass das Vertrauen insgesamt intakt bleiben kann. … Menschen sind in diesem Sinne niemals als Einzelwesen zu verstehen, sondern in ihrem Sprechen und Handeln immer aufeinander bezogen und hinsichtlich der Handlungsfolgen nicht determiniert, sondern flexibel.

Kommentar von P.J.: vergleiche den Beitrag "Die Krankheitsdiagnose unserer Weltgemeinschaft".

Es ist dieser Zeitraum zwischen Geburt und Tod, in dem Menschen – im Unterschied zu anderen Tieren – nicht in einem determinierten Lauf der vorgesehenen Dinge und Abläufe gefangen sind, sondern handeln und damit 'etwas Neues anfangen‘ können. … Jede und jeder von uns war zu den anderen dazugekommen, weshalb jede und jeder von uns mit unserer Fähigkeit zu handeln dem Lauf der Dinge eine andere Richtung geben kann.

Kommentar von P.J.: vergleiche die Beiträge "Unsere Seelen sind unser Ursprung", "Beteilige Dich an der Universalen Philosophie" und "Werde auch Du zum Botschafter des Neuen Wissens".

Beginnen zu können ist die Bedingung dafür, Aufhören zu können, und wie für die menschliche Lebensspanne Geburt und Tod den Raum des Handelns aufspannen, so sind sowohl beginnen und aufhören zu können die Bedingungen menschlicher Freiheit.

Wir brauchen in diesem Sinn ein Kulturmodell, in dem die Schönheit des Aufhörens den Stellenwert bekommt, der für die Fortsetzung des zivilisatorischen Projekts notwendig ist. Noch einmal: Die Verbesserung, gar Optimierung von Prozessen, die in die falsche Richtung laufen, verschlimmert alles. Aufhören tut not, man muss es als menschliche Kulturtechnik wieder lernen. Damit man auch wieder beginnen kann.“

Kommentar von P.J.: vergleiche die Beiträge "Es gibt keine absoluten Wahrheiten" und "Physik in der Sackgasse".

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